Parkinson hat viele Gesichter

Parkinson hat viele Gesichter – und ebenso viele Mythen darüber, wie sich die Erkrankung zeigt, wen sie betrifft und wodurch sie entsteht. Mit „Parkinson hat viele Gesichter“ geben Forschende des Instituts für Neurogenetik der Universität zu Lübeck Einblicke in aktuelle Forschungserkenntnisse und räumen mit verbreiteten Annahmen rund um Parkinson auf.

Dabei geht es unter anderem um Bewegung, Alter, unsichtbare Symptome, Geschlechterunterschiede sowie den Einfluss von Genen. Im Rahmen von "Parkinson hat viele Gesichter" zeigen wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln aktuelle Erkenntnisse aus der Parkinson-Forschung und erzählen, was wir heute über die Erkrankung wissen.

"Parkinson verläuft bei allen Menschen gleich und ist vorhersagbar."

Stimmt das?

Parkinson verläuft nicht bei allen Menschen gleich. Doch warum unterscheiden sich die Krankheitsverläufe so stark? 

Manche Menschen erkranken bereits in jungen Jahren, bei anderen beginnt Parkinson erst deutlich später. Auch das Fortschreiten der Erkrankung und mögliche zusätzliche Symptome sind individuell verschieden.

Prof. Dr. Christine Klein vom Institut für Neurogenetik der Universität zu Lübeck erforscht, welche genetischen und Umweltfaktoren diese Unterschiede beeinflussen – und warum manche Menschen trotz einer krankheitsauslösenden genetischen Veränderung gesund bleiben.

Die Forschung hilft, die unterschiedlichen Verläufe von Parkinson besser zu verstehen und neue Perspektiven für Beratung zu eröffnen.

 

"Parkinson? Das ist doch einfach Pech."

Nicht ganz.

Ganz so einfach ist es nicht. Ob ein Mensch an Parkinson erkrankt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Alter, Gene sowie Umwelt- und Lebensstilfaktoren wirken zusammen.

Die Forschung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Heute kennen wir zahlreiche genetische Veränderungen und biologische Prozesse, die bei Parkinson eine Rolle spielen. Auch äußere Einflüsse werden untersucht: So zeigen Studien, dass Rauchen, Kaffeekonsum und körperliche Aktivität mit einem geringeren Parkinson-Risiko verbunden sind. Eine Schutzwirkung durch Nikotin oder Koffein ist allerdings nicht eindeutig belegt – Rauchen ist deshalb keine geeignete Vorbeugung. Regelmäßige Bewegung kann dagegen Menschen mit Parkinson nachweislich helfen.

Warum erkranken manche Menschen trotz ähnlicher genetischer Voraussetzungen, während andere gesund bleiben?

Dieser Frage geht Dr. Carolin Gabbert am Institut für Neurogenetik der Universität zu Lübeck nach. In der Arbeitsgruppe von Prof. Joanne Trinh untersucht sie genetische Risikofaktoren und ihr Zusammenspiel. Dazu gehören auch aktuelle Untersuchungen zum RAB29-Gen. Gemeinsam mit internationalen Forschungspartnern arbeitet das Team daran, die Entstehung von Parkinson immer besser zu verstehen.

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"Parkinson ist bei Männern und Frauen gleich."

Wirklich?

Parkinson betrifft Männer und Frauen – aber nicht immer auf die gleiche Weise.

Etwa 3 von 5 Menschen mit Parkinson sind Männer. 

Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Parkinson bei Frauen teilweise erst später erkannt wird. Einige Beschwerden können unspezifisch sein und sich beispielsweise mit Symptomen rund um die Wechseljahre überschneiden. Das kann die Diagnose erschweren. 

Welche Unterschiede es bei den Symptomen von Parkinson bei Männern und Frauen geben kann und was das für die Behandlung bedeutet, erklärt Dr. Alexander Balck (Institut für Neurogenetik und Klinik für Neurologie) im Video.

 

"Parkinson ist immer sichtbar."

Stimmt das?

Parkinson erkennt man nicht immer auf den ersten Blick.

Zittern und Bewegungsstörungen gehören zu den bekannten Symptomen der Erkrankung. Doch Parkinson kann sich auch durch andere Beschwerden zeigen, die zunächst nicht mit der Erkrankung in Verbindung gebracht werden.

Welche Rolle solche nicht-motorischen Symptome bei der frühen Erkennung spielen können und woran Prof. Dr. Norbert Brüggemann (Klinik für Neurologie) forscht, erklärt er im Video.

 

"Parkinson? Dafür sind Sie doch viel zu jung"

Nicht unbedingt.

Prof. Dr. Ana Westenberger erforscht am Institut für Neurogenetik der Universität zu Lübeck die genetischen Ursachen von Parkinson und zeigt, warum das verbreitete Bild von Parkinson als Erkrankung des höheren Alters zu kurz greift.

Mit dem Alter steigt die Häufigkeit deutlich, bei den meisten beginnen die Symptome nach dem 65. Lebensjahr. In großen Parkinson-Kohorten berichten rund 20 Prozent der Betroffenen von einem Symptombeginn im Alter von 50 Jahren oder früher. Von einem früh beginnenden Parkinson spricht man bei Symptomen zwischen 21 und 50 Jahren.

Die Diagnose trifft diese Menschen mitten im Beruf, bei der Kindererziehung, in der Familienplanung. Frühe Zeichen werden dann zunächst anders gedeutet, und wer jung erkrankt, stößt oft auf Unglauben.

Zwei Missverständnisse begegnen Professorin Westenberger dabei gelegentlich: dass ein früh beginnender Parkinson eine andere Krankheit sei und dass jeder jüngere Mensch mit Parkinson sie von einem Elternteil geerbt haben müsse. Beides trifft nicht zu.

Ein früher Beginn macht eine genetische Ursache wahrscheinlicher, umgekehrt beginnen genetische Formen aber längst nicht immer früh. Ein genetischer Befund gibt zwar Hinweise auf den möglichen Verlauf, erlaubt jedoch keine sichere Vorhersage. Selbst in derselben Familie kann dieselbe Genveränderung zu einem ganz unterschiedlichen Verlauf führen.

„Warum zwei Menschen mit derselben Genveränderung ganz unterschiedlich erkranken, verstehen wir noch nicht. Wir suchen nach den Faktoren, die den Ausbruch verzögern oder manche Menschen ganz davor schützen“, erklärt Professorin Westenberger.

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"Parkinson? Das ist doch eine Zitterkrankheit."

Nicht ganz.

Melissa Vos erforscht am Institut für Neurogenetik der Universität zu Lübeck erbliche Formen der Erkrankung an Fruchtfliegen und zeigt, warum das verbreitete Bild von Parkinson als Zitterkrankheit zu kurz greift.

Als Leitsymptom für eine Parkinson-Diagnose gilt nicht das Zittern, sondern eine verlangsamte Bewegungsfähigkeit. 20 bis 30 von 100 Betroffenen zeigen bei der Diagnosestellung kein Zittern, eine kleine Minderheit entwickelt über den gesamten Krankheitsverlauf nie eines. Umgekehrt gilt genauso: Wer zittert, hat nicht automatisch Parkinson. Ein essenzieller Tremor wird häufig mit Parkinson verwechselt und umgekehrt.

Wie stark das Zittern ausgeprägt ist, hängt auch von der genetischen Form ab. Bei manchen Genveränderungen steht es im Vordergrund, bei anderen fehlt es fast völlig.

Auffällig werden oft andere Dinge: kleinere Schritte, eine engere Handschrift, ein Arm, der beim Gehen nicht mehr mitschwingt. Riechverlust, unruhiger Schlaf oder eine träge Verdauung können den Bewegungssymptomen teilweise bis zu 20 Jahre vorausgehen. Diese Beschwerden sind häufig und in den allermeisten Fällen harmlos.

„Parkinson zeigt sich nicht immer zuerst durch Zittern. An Fruchtfliegen mit denselben Genveränderungen untersuchen wir, was in den Zellen und Molekülen passiert, bevor sich die Bewegung verändert“, erklärt Melissa Vos. 

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Kontakt für Rückfragen

Daniel Hoth
Pressesprecher Universität zu Lübeck
presse@uni-luebeck.de